Barcelona - 1. und 2. Teil

A B S C H N I T T E

Barcelona, 16.12.03

Warten auf einen neuen Bericht ist wie warten auf den Weihnachtsmann! Nur dauert es bei uns nicht ganz bis zum 24.12.

Schon wieder ist, seit dem Aufbruch in Avignon, ein Monat vergangen und es gibt viel zu erzählen. In St. Gilles haben wir „die letzte Schleuse vor Panama“ erreicht.
Am darauf folgenden Abend standen wir auf der Hafenmole von Le-Grau-du-Roi und schauten zu, wie die Sonne im Meer versank. Wir konnten es immer noch nicht richtig glauben, vor uns brachen sich nicht die Wellen der Nordsee sondern die des Mittelmeers. Da es noch recht kühl war, wollten wir gerne unseren Heizlüfter in Betrieb nehmen. Doch, oh Schreck, die Stecker hatten hier eine andere Norm. Also auf zum nächsten Yachtausrüster,  der wollte für den Stecker 50€ haben (ohne Kabel!). „Die spinnen ja, die Franzosen!“ Da wir den Stecker weder beim Nachbarn, noch im Laden klauen wollten, musste eine andere Lösung her. In einer Dokumentation über russische Wissenschaftler hatten wir gesehen, wie sie mit wenigen Mitteln aber viel Improvisationstalent ihre Ziele erreichen. Das musste doch auch bei uns gehen. So entstand ein „russischer Adapter“, zwei Kabelenden und etwas Klebeband, das VDE Zeichen hätte er wohl nicht bekommen aber im Boot wurde es angenehm warm.
Die nächsten zwei Tage waren arbeitsintensiv und aufregend, denn wir wollten unseren Mast stellen. Am Ende passten alle neuen Wanten, Stagen und Fallen, so dass wir stolz unser Segelboot bewundern konnten.
Wer aber nun glaubt, in einem Hafen könne man nachts ruhig schlafen sollte einmal nach Le-Grau-du-Roi kommen. Bei dem Versuch das Wasser von sämtlichen Fischen zu befreien, wiegte uns das liebliche Geräusch eines Außenbordmotors in den Schlaf. Vorwärtsgang, Rückwärtsgang, Vorwärtsgang, Rückwärtsgang bis morgens um fünf. Gute Nacht!
Nach zwei Tagen Regenwetter stieg die Strömungsgeschwindigkeit merklich an. Um ca. 21 Uhr gab es den ersten großen Knall. Hat uns ein Schiff gerammt? Ein Blick nach draußen zeigte Erstaunliches: „Da muss doch einer den ganzen Wald gefällt haben.“ In einer nicht enden wollenden Prozession nahmen Äste, Autoreifen (mit Felge), Baumstämme etc. Kurs auf unsere Breitseite. Gute Nacht!
„Golf du Lion im Winter, viel zu gefährlich!“, hörten und lasen wir überall. „Den Winter über in Südfrankreich bleiben?“, eigentlich war das Wetter doch gar nicht so schlecht. Wir überlegten hin und her, der Weg führte uns immer wieder zu den Wetterkarten. So eine kleine Tagesetappe müsste doch machbar sein. Schließlich peilten wir das 20 SM entfernte Sete an. Hurra, unser erster Tag unter Segeln. Endlich dem Treibgut entkommen freuten wir uns auf eine erholsame Nacht. Leider brachten uns ab drei Uhr unzählige Fischtrawler so in Bewegung, als ob wir bei Windstärke 10 einen Sturm abreiten müssten. Gute Nacht!
Etappenweise führte uns der Weg bis nach Port Vendres. Von hier aus sollte es um das stürmische Cabo Creus nach Spanien gehen. Vor der Abfahrt wurden wir noch von einem französischem Zollboot kontrolliert. Die Frage nach Waffen an Bord konnten wir mit reinem Gewissen verneinen.
Vier Beaufort abnehmend, klangen gut für unsere bevorstehende Nachtfahrt. Um 15 Uhr machten wir die Leinen los. Noch blies allerdings der Wind so stark, dass wir ein Reff einbinden mussten. In Rauschefahrt ging es, das Leuchtfeuer im Blick, Richtung Cabo Creus. Seegang und Windstärke nahmen beständig zu. Angsteinflößend rollten die Wellenberge von hinten heran, Amrei wurde seekrank. Bei einem kurzen Blick auf die Seekarte dann der große Schreck, das Wasser schwappte schon über die Bodenbretter! Amrei, Neptun opfernd, an der Pinne, lenzte Sascha mit der Pütz als ob es um einen Weltrekord ginge. Gott sei Dank wurde  das Wasser weniger. Die Fock um das Vorstag gewickelt (wusste gar nicht, dass wir eine Rollfock haben), eine Relingsstütze durchgebrochen, entschlossen wir uns L`Estartit bei Nacht anzulaufen. Leider lagen vor der Hafeneinfahrt noch die Islas Medes. Mit erhöhtem Adrenalinpegel  erreichten wir um ca. 24 Uhr das innere Hafenbecken. Morgens grüßten wir noch mit „Bonjour“, doch schon bald kam uns das „Hola“ locker von den Lippen.
In den Nachrichten der Deutschen Welle hörten wir über die große Flutkatastrophe in Südfrankreich. Zum Glück hatten wir den Absprung rechtzeitig geschafft! Unsere Gedanken waren bei den zurückgebliebenen Bekannten.
Eine weitere schlaflose Nacht verbrachten wir in Blanes. Starker Schwell ließ Sarei an der Mooringleine tanzen und in regelmäßigen Abständen in die Festmacher einrucken. Den Grossteil der Nacht verbrachten wir in Regenkleidung an Deck, ähnlich emsige Aktivitäten konnten wir auf den Nachbarbooten beobachten. Gute Nacht!
Guten Mutes bogen wir am darauf folgenden Morgen um die Molenecke Richtung Hafenausfahrt. Der Anblick der sich uns bot verursachte bei uns Herzklopfen. Meterhoch rollten die Brecher auf den Strand zu. Das großartige Naturschauspiel der bis zu 10 m hohen Gischtwolken wollten wir uns dann doch lieber vom Festland aus anschauen. Drei Minuten später standen schon die Hafenmitarbeiter an unserem alten Platz und halfen uns beim Festmachen. Auch zwei Nachbarboote machten sich fertig zum Auslaufen, waren aber genau so schnell zurück wie wir.
Mittags erfüllte plötzlich lautes Sirenengeheul den Hafen. Es bildete sich ein großer Menschenauflauf am Strand und auf allen Plätzen, die eine einigermaßen gute Aussicht versprachen. Mehrere Boote liefen aus und zogen Suchkreise vor dem Hafen. Ein Hubschrauber unterstützte sie aus der Luft. Fünf Personen, darunter zwei Kinder, waren trotz Warnung auf die Hafenmole gegangen und von einer großen Welle ins Meer gespült worden.
Bei einem Rettungsversuch sprangen noch zwei Männer hinterher. Vorläufige Bilanz: zwei Tote und eine weiter Person in Lebensgefahr. Den restlichen Tag waren wir sehr nachdenklich.
Bei starkem Wind und hohem Seegang suchten wir nach der neuen Einfahrt in den Hafen von Barcelona (die noch in keiner Karte verzeichnet war). „War da hinten nicht ein grünes Licht zu sehen?“ Mutig fuhren wir drauf zu. Mit dem richtigen Riecher machten wir kurz darauf zwischen millionenschweren Motoryachten fest. Die Freude über die Ankunft in Barcelona währte jedoch nur kurz. Maximal ein bis zwei Tage sollten wir bleiben dürfen, geplant waren zwei bis drei Monate! Mit einem Schnaps (Schleimer) bestachen wir Juan, einen Hafenarbeiter, und quetschten uns in die hinterste Ecke (Breite: 2,5 m). Wir durften bis zum Wochenende bleiben.
Zum Überwintern hat sich hier eine große Gemeinde von „Liveaboards“ (Menschen die auf ihren Booten leben) eingefunden. Jeden Morgen werden im „Cruisers Net“ über Funk der Wetterbericht, kulturelle Ereignisse oder einfach Neuigkeiten ausgetauscht. Bei einem Wettbewerb kann das Boot mit der „schönsten“ Weihnachtsdekoration 300 € gewinnen. Jedes geschmückte Boot  bekommt zusätzlich 100 kWh kostenlosen Extrastrom. Wie nicht anders zu erwarten liegen die Amerikaner uneinholbar vorne. Doch bei Sonnenschein und 20°C kommt keine richtige Weihnachtsstimmung auf.
Herzlich empfangen wurden wir auch von Amreis Verwandten und Bekannten. Gleich am ersten Wochenende bildete sich ein regelrechter Volksauflauf um Sarei. Schwimmsteg und Heck tauchten tief ins Wasser ein so viele Menschen waren noch nie gleichzeitig auf unserem Boot (siehe Foto).
Jetzt hoffen wir das unser Aufenthalt hier etappenweise verlängert wird, damit wir noch viel von der schönen Stadt entdecken, Amreis Verwandte besuchen und alle restlichen Arbeiten am Boot erledigen können.
Allen unseren treuen Lesern wünschen wir an dieser Stelle ein frohes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins neue Jahr.

 

Barcelona, 24.01.04

Puh, da ist uns aber ein Stein vom Herzen gefallen. Plötzlich konnten wir unseren Aufenthalt ohne Probleme bis Februar verlängern. Dies ermöglichte uns ein schönes Weihnachtsfest mit Amreis Großfamilie. Jetzt können wir uns zu den Experten in Sachen „spanische Süßigkeiten“ zählen (Neulas, Turrones, Polvorones).

Auch nach den Festtagen ist unser Terminkalender immer voll mit Einladungen. Ein Ausflug mit Amreis Onkel und Tante führte uns zu einer Reihe mittelalterlicher Dörfer nahe der französischen Grenze. Ohne einer anderen Menschenseele zu begegnen erkundeten wir die engen Gassen und schönen Plätze, auf denen sich im Sommer die Touristen tummeln (das Foto zeigt Pals).

Unsere nächste Exkursion wird uns zu den schneebedeckten Pyrenäen führen.

Nach und nach lernen wir auch die spanischen Nationalgerichte kennen, Paella, Fidoa (eine Nudelvariante) und Tortillas zergehen uns auf der Zunge.

Damit die Kalorien keine Chance haben ging es sonntags auf Fahrradtour. Zusammen mit anderen Hafenbewohnern radelten wir nach Badalona, um ein Fest zu Ehren von Nutztieren mitzuerleben. Leider haben wir, mit Ausnahme eines Hundes,  keine Tiere gesehen. Dafür tanzten die Spanier Sardana (katalanischer Volkstanz, siehe Foto) unter den Palmen der Strandpromenade.

Auch sonst kann von Langeweile keine Rede sein. Einmal die Woche steht der Spanischkurs auf dem Programm, ein kostenloses Angebot der Marina. Hochkonzentriert werden Vokabeln, Verbformen und neue Zeiten vom Spanischen ins Englische (Amerikanische), ins Deutsche und wieder zurück übersetzt, danach brummt der Kopf.

Zum Ausgleich treffen wir uns abends auf einer Yacht bei Tapas und spanischem Wein. So kann es passieren, dass zwei Engländer, ein Walise, eine Schwedin und zwei Deutsche ein französisches Monopoly spielen (übrigens hat Amrei gewonnen).

Jeder erzählt seine Geschichten, wir erfahren von John und Linda, dass sie auf der Überfahrt von der Ostküste der USA zu den Bermudas nachts um drei plötzlich ihren Kater „Williwaw“ vermissten. Auf Deck war er nicht zu sehen und auch in der Kajüte gab es keine Spur von „Willi“. Irgendwo auf dem Weg musste er über Bord gegangen sein! Schnell wurde um 180° gedreht und mit dem hellen Scheinwerfer die Wasseroberfläche abgesucht. „War da nicht ein leises Maunzen zu hören?“ Die reflektierenden Augen verrieten die Position von „Willi“. Mit einem „Kater über Bordmanöver (KüB) wurde er über die Bordwand zurück ins trockene geholt. Noch mal Glück gehabt, „Williwaw“!

In der noch verbleibenden Zeit montierten wir den Feuerlöscher, eine zweite Lampe im Salon, konstruierten Backskistenverschlüsse und bauten ein einfacheres Reffsystem (Reffen = verkleinern der Segelfläche bei starkem Wind) und so weiter. So findet langsam jedes Ding an Bord seinen Ort.

 

verantwortlich für die Web- Präsentation: A. Vogels

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Altstadt von Gruissan
Amrei in Port Vendres
Brandung
Sascha arbeitet am Mast
segeln
Volksauflauf

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Ausflug
Sonnenuntergang in Pals
Fahrradtour
Sardana
Spanischkurs
Monopoly
Hafen von Barcelona
Maritimmuseum