Itaparica

A B S C H N I T T E

Itaparica, 05.03.05

Der Bus hält. Wir bahnen uns den Weg zum Ausgang. Man muss schnell sein, sonst fährt er einfach weiter. Noch ein letzter Schritt und wir sind draußen. Dann bricht plötzlich Tumult aus. Irritiert wenden wir uns zum Bus, wild gestikulierend winken uns zahllose Hände aus den offenen Fenstern. „Hier noch nicht!“, soll das wohl bedeuten. Mit einem Satz sind wir wieder in dem schon anfahrenden Fahrzeug. Zuvor hatten wir versucht, dem Schaffner zu erklären, wo wir hin möchten. Wir waren uns nicht ganz sicher, ob er uns richtig verstanden hatte, aber schnell waren auch die anderen Fahrgäste ins Gespräch einbezogen. „Wo kommt ihr her?“, „Gefällt euch Brasilien?“ Mit etwas Spanisch und kleinen Zeichnungen probieren wir deutlich zu machen, dass wir auf einem Segelboot im Hafen wohnen und genau dort hin wollen. Beim nächsten Stopp ein einstimmiges Nicken, wir werden förmlich aus dem Bus gedrängt. Eine Frau nimmt uns an die Hand und führt uns noch ca. einen halben Kilometer durch die Stadt. „Vielen Dank!“ Von hier aus finden wir den Heimweg selber. So ist Brasilien!

Es ist Karnevalszeit, die Stadt ist voll gestopft mit Menschen. Wie ein Orkan dröhnt das Gemisch unterschiedlichster Musik durch die Straßen. Bis in den frühen Morgen erzittert alles im Rhythmus der Bässe. Vorwärts kommt man, wenn überhaupt, nur im Forro- bzw. Sambaschritt. Schon die Kleinsten beherrschen den erotischen Hüftschwung perfekt. Für die Anatomie der Europäer ist er wohl nicht vorgesehen, wie wir feststellen müssen. Moises, unser brasilianischer Freund, sucht für uns einen „Trio Elektriko“ mit seiner Lieblingsband. Das sind große Trucks, die rundum nur aus Boxen bestehen. Darüber in ca. 6m Höhe spielen die Musiker. Im Schneckentempo bewegen wir uns mit dem Truck fort. Wie eine große Einheit tanzen hunderte von Körpern um uns herum, im Takt zur Musik.

Gleich einem Fels in der Brandung sitzen alle paar Meter die Einheiten der Militärpolizei auf speziellen Podesten. Schon an den Bushaltestellen finden Kontrollen mit Metalldetektoren statt. Das ist auch notwendig, denn immer wieder kommt es zu blitzartigen Überfällen. In unseren Hosentaschen suchen ständig fremde Hände nach Brauchbarem. Selbstverständlich haben wir nichts mitgenommen und deshalb auch keine Fotos vom Karneval.

Nach einigen Stunden schmerzen uns die Ohren, wir machen uns auf den Heimweg. Abseits der Hauptstraße zeigt die Stadt ihr anderes Gesicht. Hier schlafen die Armen, viele davon Kinder, in Hauseingängen oder einfach neben der Straße. Die meisten haben nicht einmal eine Pappe zum darauf Liegen. Auch das ist Brasilien.

Nach dem Trubel in der Großstadt freuen wir uns wieder Segel setzen zu können. Die Fahrt führt uns durch die Bucht zu der zehn Meilen entfernten Insel Itaparica. Bis auf den abendlichen Widerschein am Himmel erinnert hier nichts mehr an die Zwei-Millionen-Stadt Salvador. Itaparica ist bekannt für seine Trinkwasserquelle. Die Einwohner kommen mit Schubkarren voller leerer Plastikflaschen, um sie an den unzähligen Wasserhähnen zu füllen. Auch wir versorgen uns mit dem köstlichen Nass. Ob der, auf die Kacheln geschriebene, Spruch stimmt: „Oh, dieses Wasser lässt Mütter sich wir ihre Töchter fühlen“, können wir allerdings nicht überprüfen. Aber keine Reaktion ist auch schon viel wert, denn schon öfter hat uns „Montezumas Rache“ heimgesucht. Unsere körpereigenen Bakterien müssen wohl noch mit den brasilianischen Freundschaft schließen.

Überall trifft man auf „Rodney“ und seine Kakerlakenbrüder. Von Daumennagel- bis Handtellergröße bevölkern sie die Straßen und machen keinen Hehl aus ihrer Anwesenheit. Morgens werden wir vom zarten Krabbeln tausender Fliegenbeine geweckt. Natürlich wollen auch all dies Insekten ihren gerechten Anteil von unserem Essen, da hilft nur „Augen zu und durch“. Man muss schon ein außergewöhnliches Verhältnis zu Krabbeltieren aller Art haben, um sich in diesem Teil der Welt wohl zu fühlen.

Langsam zerschneidet unser Bug das grüne Wasser des träge dahin fließenden Flusses. „Nur etwas für die abenteuerlichsten Segler“, heißt er in unserem Segelführer über diesen Flussabschnitt. Zwischen flachen Sandbänken müssen wir uns unseren Weg suchen. Belohnt werden wir mit einer umwerfenden Dschungellandschaft. Am Ufer bilden Palmen und Mangroven ein undurchdringliches Grün. Etwas weiter flussaufwärts finden wir einen goldgelben Sandstrand. Da es drückend heiß ist, erfrischen wir uns an dem Wasserfall, der sich auf den Strand ergießt. Wir beobachten eine Babymeeresschildkröte, die versucht eine doppelt so große Qualle zu fressen. Ein noch kleinerer Fisch schaut erstaunt zu, auf wen er wohl gewettet hat?

Als die Abenddämmerung einsetzt, beginnt ein vielstimmiges Konzert. Vögel, Affen und Insekten stehen im Wettstreit um die lautesten und schönsten Lieder.

Unser nächster Ankerplatz liegt vor dem abgelegenen Dorf Jaguaripe. Kinder spielen im Wasser und schauen erstaunt und neugierig zu Sarei. Segeln hier doch sonst fast nur Einbäume und Saveiros (Frachtsegler). Nach dem die anfängliche Schüchternheit überwunden ist, entert der Mutigste von ihnen unser Cockpit. Seine Freunde lassen nicht lange auf sich warten. Begleitet von viel Gelächter bringen wir ihnen unser Lieblingskartenspiel „Mau-Mau“ bei.

Auf dem Rückweg müssen wir gegen den Wind kreuzen. Ein Einbaum nimmt das Rennen auf. Der Vorschoter hängt mit einem Arm in einer Art Trapez und hält das schmale Boot im Gleichgewicht, mit der anderen Hand schöpft er beständig Wasser raus. Wir sind erstaunt über die Segeleigenschaften dieses „primitiven“ Zweimasters. Der Vergleich geht unentschieden aus.

Damit hätten wir nicht gerechnet, selbst hier im Fluss treffen wir auf unsere treusten Begleiter, die Delfine. Bis zu unserem Ausgangspunkt Itaparica sehen wir sie immer wieder im flachen Wasser spielen und toben.

verantwortlich für die Web- Präsentation: A. Vogels

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Strasse in Itaparica

Straße in Itaparica

Wasserquelle

Wasserquelle in Itaparica

Rückenwind

Rückenwind im Rio

Traumstrand

Traumstrand

Wasserfall

Wasserfall

Mau-Mau

Mau-Mau

Regatta

Regatta

Dhaus

Dhaus

Sao Francisco

Sao Francisco

Ratney

Rotney

Saveiro

Saveiro