Jacare

A B S C H N I T T E

Jacare, 02.05.05 - 1. Teil

Schon beim Frühstück sind wir ganz aufgeregt. Heute soll sich ein großer Wunsch von uns erfüllen: Zusammen mit Asmat wollen wir mit Rogers Dschunke segeln gehen. Roger ist ein bisschen nervös. Nach 18 Jahren Einhandsegeln ist er so viel „überflüssige“ Crew nicht mehr gewöhnt. Da noch kein Wind weht, erklärt uns Roger die Funktionsweise seines Dschunkenriggs.

Nachdem wir die beiden Segel gesetzt haben, gleiten wir langsam aus dem Ankerplatz in die Bahia. Fasziniert schauen wir zu den schönen Segeln. Gleich einer Testcrew für eine Segelzeitschrift prüfen wir das Boot auf Herz und Nieren. Wir probieren sämtliche Segelmanöver Reffen, Wenden, Halsen etc. Doch die wirkliche Leistungsfähigkeit zeigt sich, als Freunde mit einer Reinke zum Wettsegeln auftauchen. Fieberhaft trimmen wir die Segel, ziehen hier an einer Leine, lassen dort einen Zentimeter lose. Unser Erstaunen ist groß, die 2m längere Reinke, ausgestattet mit neuen Segeln und Faltpropeller, kommt auch nicht höher an den Wind als Rogers Dschunke mit ihren Segeln, die so alt sind wie das Boot. Erst als sie auf dem Konkurrenzboot die große Genua setzten, schaffen sie es uns zu überholen. Abends, beim gemeinsamen Essen, steht für uns fest, unser nächstes Boot wird ein Dschunkenrigg haben.

Lange genug waren wir nun in der Bahia, uns zieht es weiter Richtung Norden. Doch so einfach ist es dieses Mal nicht! Die ersten zwei Tage müssen wir uns mühsam, hart am Wind, vorankämpfen. Zwei bis drei mal am Tag tauchen dicke schwarze Wolken am Himmel auf, sog. „Squalls“. Manchmal werden sie begleitet von starken Windböen, aber immer von sintflutartigen Regenfällen. Nicht schlecht staunen wir, als sich aus einem dieser Ungetüme ein dünner Schlauch bildet. Wenig später erreicht er die Meeresoberfläche und die Röhre verfärbt sich dunkel. Wie von einem gigantischen Staubsauger wird das Wasser nach oben gesaugt. Wir sind froh, dass wir in ausreichendem Abstand an der Wasserhose vorbei segeln. Noch einmal schauen wir nach achtern, wo sich ein wunderschöner Regenbogen gebildet hat, von der Gefahr ist nichts mehr zu sehen.

Segeln ist halt nie langweilig!

„Sascha, wach auf, komm mal schnell an Deck, der blendet mich an!“ Als Sascha seinen Kopf aus der Luke streckt, sieht er ein großes Containerschiff auf Parallelkurs. Sein heller Suchscheinwerfer strahlt genau in unser Cockpit. Wir geben mit unserer starken Lampe Lichtzeichen und leuchten unsere Segel an. Daraufhin beschleunigt der Frachter seine Fahrt wieder und verschwindet schon bald am Horizont. Er wollte wohl nur überprüfen, ob bei uns alles in Ordnung ist. Auch tagsüber haben wir jetzt viel „Berufsverkehr“. Und alle haben scheinbar die selbe Kurslinie gewählt. Viele wollen sich die beiden Abenteurer genau ansehen und fahren so nahe vorbei, dass sie uns von der Brücke aus zuwinken können.

In einer flachen Lagune, hinter einer kleinen Insel, möchten wir für zwei Tage rasten. Laut Handbuch müsste die Zufahrt zur Lagune tief genug sein. Tatsächlich zeigt unser Echolot bei Hochwasser nur einen fingerbreit Wasser unter dem Kiel. Ganz schön aufregend! Einheimische zeigen uns die Fahrrinne, und wir werden mit einem traumhaften Ankerplatz belohnt.

Nach einem weiteren Tag gemütlichen Segelns erreichen wir den kleinen Ort Jacare in dem Fluss Paraiba.

In weißem, wehendem Gewand, wird ein Saxophonist aufs Wasser gerudert. Nach den einleitenden Klängen der „Eurovisionsmelodie“ legt der Musiker los, um in den nächsten zwanzig Minuten Ravels „Bolero“ durch zu hauen. Dieses Spektakel wird hier nicht etwa zu unserem Empfang inszeniert, sondern ist tägliches Ritual zum Sonnenuntergang.

Die nächsten Wochen wollen wir im Fluss verbringen. Wahrscheinlich werden wir flüchten müssen, sollten wir jemals wieder, nach dieser Zeit, irgendwo in dieser Welt den Bolero hören…

Jacare, 14.06.05 - 2. Teil

Fahrtensegeln ist: Segeln zu den schönsten Ankerplätzen der Welt, um dort sein Boot zu reparieren!

Strömung: 3 Knoten im Fluss, Amrei sitzt in unserem Dingi, Sascha und Brett in „Merluzas“ Dingi. Verbunden sind wir durch unseren neun Meter langen Holzmast. Das Ziel ist der Dingisteg am Ufer. Puh, das war knapp! Mit dem Vorderteil schaffen wir es gerade an dem ankernden Katamaran vorbei, jetzt droht Amrei mit dem Rest zwischen beide Rümpfe zu geraten. Brett gibt Vollgas, laut röhren die zwei PS des Außenbordmotors. Steuern lässt sich unser Gespann so nicht! Wir laden um, jetzt liegt unser Mast quer über nur einem Dingi. So erreichen wir sicher das Ufer.

Nach fast 40 Jahren Sonne, Regen, Schnee und Salzwasser, haben sich die Verklebungen zwischen den Holzleisten unseres Mastes gelöst. In mühevoller Arbeit müssen wir den Mast in alle seine Einzelteile zerlegen, anschließend beschädigte Stellen reparieren und für das erneute Kleben vorbereiten. Mit Hilfe von unseren irischen Freunden Pip und Laurence können wir, nach drei Wochen, die ersten Teile wieder zusammen kleben. Doch die größte Schwierigkeit bereitet uns das Wetter. Eigentlich braucht Epoxydharz zur Verarbeitung trockene Luft. Doch in Brasilien ist Regenzeit, die Luftfeuchtigkeit liegt zwischen 80 und 90% und es schüttet ohne größere Unterbrechung.

Zu unserem Glück haben wir in Brians Bootswerft einen relativ trockenen Arbeitsplatz unter einem löchrigen Wellblechdach gefunden. Brain ist vor über 20 Jahren hier selber mit dem Segelboot angekommen und hat die Werft am Fluss gegründet. Seine Hilfsbereitschaft ist wohl der Grund, dass sich so viele Segler in Jacare treffen.

So bald der Mast fertig ist, brennen wir darauf wieder zu segeln. Wir haben genug vom Regen und trüben Wasser Brasiliens. Wir freuen uns auf die Karibik und Sonnenschein.

verantwortlich für die Web- Präsentation: A. Vogels

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Roger (mit Hut) erklärt das Dschunkenrigg

Dschunkenrigg

Segeln mit der Dschunke

Wunderschöne Dschunkensegel

Wasserhose in der Entstehungsphase

Berufsverkehr aus der Heimat

Jakare

Sarei von oben

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Es regnet in Strömen

Mastteile

Kleben mit Epoxy

Pip Sascha und Laurence beim Festziehen