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Baia Palmeira, Sal (Kapverdische Inseln) 27.12.04
San Sebastian auf La Gomera ist ein typischer „Absprunghafen“. Jeden Tag signalisiert das Tuten von unzähligen Nebelhörnern, dass wieder eine Jacht Richtung Karibik oder Kapverden ausläuft. Auch unsere
SAREI füllt sich täglich mehr mit Lebensmitteln. Bald schon gleicht sie einer segelnden Speisekammer. Wir liegen merklich tiefer im Wasser! Trotzdem quälen uns Fragen wie: „Haben wir genügend Tomatensauce, wie
lagern wir die Eier und Kartoffeln am besten und wie viel Kilo Reis brauchen wir noch?“
Gerüchte gehen um, dass es auf den Kapverden nichts zu kaufen gibt, also soll unser Proviant notfalls bis Brasilien reichen. Einen ganzen Tag brauchen wir um Kartoffeln in Zeitungspapier einzuwickeln,
Dosen zu sortieren und das Obst zu waschen.
Abends, als alles verstaut ist, und wir uns wieder bewegen können, klopft es an der Bordwand und Henry lädt uns zum Kinoabend auf sein Boot ein. Es läuft: „Der Sturm“! Genau der richtige Film für den
letzten Abend im sicheren Hafen. Henry ist selber Filmproduzent und möchte unsere Abfahrt in eine Dokumentation für den Bayerischen Rundfunk einbauen (Reihe: „Fernweh“, BR).
Am nächsten Mittag gilt das Hupkonzert endlich uns. Begleitet von dem Winken vieler Freunde und natürlich Henrys Fernsehkamera tuckern wir aus der Marina. Nur unter Großsegel sorgt der kräftige Wind dafür,
dass die Entfernung zwischen uns und den Kanaren schnell größer wird. Der Südweststurm der vergangenen Woche hat uns eine hohe Kreuzsee hinterlassen. Wellen bis dreieinhalb Meter erschweren uns das Bordleben. Als
Sascha gerade das, von Amrei vorgekochte, Chili aufwärmen möchte, trifft uns eine besonders hohe Welle. Wie ein Geschoß wird der Schnellkochtopf durch die Kajüte katapultiert, Sascha hinterher. Der Topf wird von der
Bordwand aufgehalten, Sascha von einer scharfen Kante am Tisch (nur eine kleine Fleischwunde am Fuß). Mit einer 20 cm hohen Flamme quittiert der Petroleumkocher seinen Dienst. Für die nächsten sechs Tage bleibt die
Küche leider kalt.
Der kräftige Nordost-Passatwind treibt uns schnell voran. Fasziniert schauen wir auf das Herannahen der hohen Wellen. Kommt SAREI ins surfen, schnellt das Log auf 8-9 Knoten hoch! Auch unser
Adrenalinspiegel steigt, aber die Windfahne hat das Boot sicher im Griff.
Nachts verschwimmt der Unterschied zwischen Himmel und Meer. Wir segeln unter einem Sternenzelt mit unzähligen Sternschnuppen. SAREI zieht eine leuchtende Furche durchs Wasser. Ab und zu findet eine Welle
den Weg ins Cockpit und lässt Kissen und Füße leuchten.
Die wichtigste Unterstützung für unsere langen Nachtwachen ist die Musik! Zu unserem Entsetzen können wir dem CD-Player nach der ersten Hälfte der Nacht keinen Ton mehr entlocken. Als Notlösung bastelt
Sascha ein langes Kopfhörerkabel vom „Ghettobluster“ im Vorschiff bis zum Cockpit.
Als die Sonne aufgeht entdeckt Amrei ein kleines Loch im Großsegel. Wir bergen das Tuch und reparieren die Stelle mit Segeltape. Doch nach wenigen Stunden ist ein neues Loch entstanden. Am Ende der
Steuerbordsaling hat sich ein Splint aufgebogen!
Wir überlegen hin und her, doch wenn wir die Spitze nicht entfernen können, wird immer wieder ein neuer Riss entstehen. Notgedrungen machen wir den Bootsmansstuhl klar, um in den Mast zu klettern. Eine
unangenehme und schmerzvolle Angelegenheit bei hohem Seegang mitten im Atlantik. Gerade als Sascha auf Höhe der Salinge angekommen ist, kommt eine Schule Delfine zu Besuch. Ein toller Anblick von da oben!
Wir beobachten „Fliegende Fische“, die vor ihren Feinden hunderte von Metern durch die Luft fliehen. Immer mal wieder hat einer das Pech, sich auf dem großen Ozean gerade unsere 8,85m als Landeplatz
auszusuchen. Da uns der Sinn nicht nach Sushi steht, haben wir leider nichts davon (unser Herd ist kaputt). Amrei sieht eine „Portugisische Galeere“ vorbeitreiben, eine Segelqualle die mit ihren langen Nesselfäden
lebensbedrohende Verletzungen hervorrufen kann. In Zukunft schauen wir vor dem Händewaschen genauer hin.
Nach sechs Tagen und 787 Seemeilen fällt unser Anker in der Bucht von Palmeira auf Sal. Das war unsere bisher schnellste Etappe!
Nachdem wir uns ausgeschlafen haben, machen wir uns auf den Weg zum Einklarieren. In dem staubigen Dorf Palmeira gibt es nur wenige Häuser. Bald haben wir das „Polizeibüro“ ausfindig gemacht. Seine
Einrichtung besteht aus nicht viel mehr als einem leeren Schreibtisch, einer Holzbank, einem alten Regal mit 10 Ordnern, einem Fernseher und einer Dose Insektenvernichtungsspray. Wir füllen zwei Formulare aus,
bezahlen 100 kapverdische Escudos (entspricht einem Euro) und der Beamte drückt uns die Einreisestempel in die Pässe. Den Besuch der zweiten Station, die Schifffahrtspolizei, verschieben wir auf später, da das Büro
momentan geschlossen ist. Auf dem Rückweg lassen wir die Eindrücke dieser, anderen Welt auf uns wirken. Wir kommen an der einzigen Wasserstelle des Dorfes vorbei. In Schüsseln und Kanistern holen die Einheimischen
das Wasser ins Haus. Da es auf dieser Insel nur ca. 6 Tage im Jahr Regen gibt, kommt das Wasser aus einer Entsalzungsanlage.
Überall begegnen uns nette, freundliche Menschen. In einer Mischung aus Kneipe und Einkaufsladen fragen wir nach Brot, sofort führt uns jemand zum richtigen Laden. Wir fühlen uns auf Anhieb wohl.
Gemeinsam mit zwei französischen Familien besteigen wir nachmittags ein „Aluguer“. Das sind Pritschenwagen, auf deren Ladefläche man für umgerechnet 50 Cent bis 1€ mitfahren kann. Das Ziel der Fahrt
ist ein Vulkankrater, in dem aus Meerwasser Salz gewonnen wird.
Am 25.12 haben die Franzosen ein großes Weihnachtsfest für die Segler organisiert. Am Strand wird ein Schwein gegrillt, dazu gibt es Couscous, Kartoffeln, Tomaten und natürlich jede Menge Wein. Auf dem
Rückweg zum Boot treffen wir Josef, er lädt uns zu einem Drink nach Hause ein. Der Pfad führt durch Gestrüpp und wir stehen vor einer, aus rohen Brettern zusammengenagelten Hütte mit einem Dach aus Plastikfolie.
Hier wohnt Josefs Familie auf wenigen Quadratmetern zusammen mit ein paar Freunden. So etwas haben wir bis jetzt nur um Fernsehen gesehen.
Apropos Fernsehen, mit uns am Ankerplatz liegt die „Frydis“. Das Schiff von Heide und Erich Wilts. Sie sind bekannt durch zahlreiche Bücher und Dokumentationen vor allem aus der Antarktis und Kap Hoorn.
In ein bis zwei Tagen wollen wir noch zu weiteren Inseln der Kapverden segeln, bevor wir Kurs auf Brasilien nehmen.
Ein frohes neues Jahr wünschen euch Amrei und Sascha auf SAREI
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