Venezuela

A B S C H N I T T E

Porlamar, Isla Margarita, Venezuela, 05.01.06

Um sechs Uhr klingelt der Wecker. Mit den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne

verlassen wir Tobago in Richtung Venezuela. Nach unserer Planung müssten wir die Inselgruppe Los Testigos am nächsten Tag noch bei Helligkeit erreichen. Jedoch hatten wir nicht mit den kräftigen Squalls gerechnet. Stündlich rollt eine solche Wolkenbank von hinten heran und bringt viel Wind und Regen mit. Die Strömung tut das übrige, so dass wir mit sechs Knoten dahinrasen. Anstatt den Ankerplatz gemütlich bei Tageslicht anzusteuern, müssen wir jetzt hoffen, dass die Sonne zu unserer Ankunft überhaupt schon aufgegangen ist.

Bei einer besonders starken Böe hören wir plötzlich einen lauten Knall. Als der Anker in der Bucht von Isla Iguana fällt, können wir den Schaden begutachten. Der Edelstahlbügel eines Püttings ist durchgebrochen. Das ist die Stelle, an der einer der Drähte, die den Mast halten, mit dem Rumpf verbunden ist. Nachdem wir die Sache provisorisch gesichert haben, steht fest: da kommt Arbeit auf uns zu.

Mit dem Dingi rudern wir zur örtlichen Militärstation, um uns anzumelden. Freundlich, aber bestimmt, werden wir darauf hingewiesen, dass wir nur zwei Tage bleiben dürfen, da wir noch nicht in Venezuela einklariert sind. Eigentlich viel zu kurz für dieses wunderschöne Archipel. Wir nutzen die Zeit zum Aufstieg auf den, mit 260m, höchsten Punkt der Insel. Der Weg zum Gipfel ist steinig und von stacheligen Riesenkakteen gesäumt. Bald schon haben wir eine beachtliche Sammlung verschiedenartigster Dornen in Füßen und Händen. Außerdem ärgern uns Tausende kleiner Fliegen, die es bevorzugt auf Augen, Ohren, Nase und Mund abgesehen haben Dafür werden wir mit einem schönen Ausblick belohnt. Von den Testigos ist es nicht mehr weit bis zu unserem nächsten Ziel: der Isla Margarita.

In der großen Bucht von Porlamar ankern schon 90 Boote. „Das ist doch gar nichts, bis vor ein paar Wochen waren es noch 150“, kriegen wir zu hören. Hier ist alles bis ins Kleinste durchorganisiert, den leidigen Papierkram übernimmt ein Agent gegen entsprechende Bezahlung und täglich werden die Segler in kostenlosen Bussen zu den Einkaufszentren der Stadt gefahren (aber bitte schön viel Geld ausgeben). Zu Fuß gehen ist nicht drin, dazu ist die Gegend zu gefährlich. Nachdem wir zwei Jahre alles selbständig erledigt haben, fällt uns dieser Umstand schwer.

Um noch etwas anderes als Supermärkte zu sehen, fahren wir, zusammen mit Heinz und Andrea, in einen Fischerort auf der anderen Seite der Insel. Das Busfahren ist sehr günstig, kein Wunder bei Benzinpreisen von 2,5 Cent pro Liter (nur kein Neid in Deutschland). Juangriego besticht durch südamerikanischen Charme, fliegende Händler verkaufen frisch gepresste Säfte und Musik erfüllt die Straßen. Nach einem Rundgang picknicken wir am Strand.

Ursprünglich hatten wir nur eine Woche Aufenthalt hier eingeplant, leider wird es mal wieder länger, da Sascha eine Ohrenentzündung auskurieren muss. Für den Weg zum Arzt nehmen wir uns ein Taxi. Offensichtlich ist das einzige „TÜV-Kriterium“ die Fahrbereitschaft des Autos. Wir kommen aus dem „Staunen“ gar nicht mehr raus, neben schiefhängenden Stoßstangen und durchgerosteten Türen, gähnen uns dort, wo normalerweise die Instrumente dem Fahrer Auskunft geben, schwarze Löcher an. Will der Fahrer nicht, dass sich seine Gäste unterhalten, wird die Musik lauter gedreht. Beim Aussteigen ist man auf die Gnade des Chauffeurs angewiesen, da nur er die Geheimnisse des Türöffnens kennt.

Sobald das Ohr wieder in Ordnung ist wollen wir noch einige Inseln Venezuelas besuchen, bevor wir nach Bonaire segeln.

Bonaire, 10.02.06

Sonntag, der 8. Januar, langsam manövriert sich der große, graue Stahlrumpf des Küstenpolizeiboots durch das Feld der, etwa 80, Ankerlieger in Porlamar. Ihr Ziel ist Hennings Boot (Name geändert). Fünf Polizisten in Zivil entern die kleine deutsche Yacht. Mittlerweile haben sich die benachbarten Crews fast vollständig auf ihren Decks versammelt, mit und ohne Fernglas wird das Geschehen verfolgt. Nur Heinz reagiert, springt ins Wasser und schwimmt zu Henning. „Was geht hier vor? Sollen wir die Deutsche Botschaft anrufen?“ (Bei den Behörden hier weiß man nie!) Doch Henning ist viel zu geschockt, um auf das Angebot eingehen zu können. So müssen wir mit ansehen, wie die Yacht in Schlepp genommen wird und Richtung nächstem Hafen verschwindet.

Am folgenden Morgen können wir in der Zeitung lesen, dass Henning 147kg Kokain, versteckt in Lebensmitteldosen, an Bord hatte. Wir haben Henning das erste Mal in Brasilien getroffen, hier endet für ihn wohl die Blauwasserfahrt. Das Boot liegt an der Kette und er bleibt für mehrere Jahrzehnte hinter venezolanischen Gittern.

Bevor wir den Pazifik erobern, wollen wir Sarei noch mal einen neuen Unterwasseranstrich gönnen. Wir recherchieren im Internet und studieren die unterschiedlichen Preise. Schließlich entscheiden wir uns für eine kleine Werft in Cumana auf dem venezolanischen Festland. Als wir, nach zwei Segeltagen, in dem Vorhafen des Betriebes ankern, sagt man uns: „Vier Dollar pro Fuß für den Kran ist schon richtig, aber ihr müsst mindestens für 35 Fuß bezahlen!“ Das stand so nicht im Internet!  Wir sind entsetzt und wollen den Chef sprechen: „Jetzt segeln wir schon mit so einem kleinen Schiff und sollen auch noch dafür bestraft werden?“ Nachdem wir ihm die Situation erklärt haben, reagiert er kulant und wir bezahlen für nur 29 Fuß.

Nach drei Arbeitstagen mit viel Schleifen, Streichen und Schwitzen glänzt Sarei im neuen Gewand.

Auf dem Weg nach Bonaire wollen wir und noch, für drei Wochen, auf den traumhaften Inseln Venezuelas entspannen. Eine Nachtfahrt bringt uns nach Isla Tortuga. Dort bekommen wir unseren ersten Eindruck vom Paradies: weißer Sandstrand, türkises Wasser und strahlend blauer Himmel. Die Intensität der Farben ist so stark, dass sogar die Möwen über uns grüne Bäuche haben. Gemeinsam mit einem französischen Pärchen wollen wir noch einen zweiten Ankerplatz erkunden. Für die zehn Meilen nehmen wir das Dingi in Schlepp. Womit wir nicht gerechnet haben, ist der extrem hohe Seegang von 3-4m Wellenhöhe. Da geht ein Ruck durchs Boot. Sascha schaut nach hinten und wird blass. Mit dem Bauch nach oben bleibt das Beiboot hinter uns zurück. „Boot über Bord!“ Mit dem gelernten und entsprechend oft geübten „Mensch-über-Bord-Manöver“ versuchen wir den Ausreißer wieder einzufangen. Ohne Motor, bei Windstärke 6 und diesem Seegang ist das ein echtes Problem. Das Boot lässt sich nicht stoppen und nimmt auch ohne Segelfläche direkt wieder Fahrt auf. Bei einem Versuch versetzt uns eine Welle und wir rammen das Dingi. Nun klafft auch noch ein großes Loch in seinem Boden.

Zwei Stunden kämpfen wir, bevor das Boot wieder an Deck liegt. Mit blutigen Fingern, blauen Flecken und Schrammen brauchen wir zwei Tage, bis wir wieder zu Kräften kommen.

Für den nächsten Schlag zu den „Los Roques“ warten wir deshalb auf besonders schönes Wetter. Die „Los Roques“ sind ein Archipel aus Korallenriffen, Inseln und Lagunen. Das gesamte Gebiet ist ein Naturschutzpark. Genaue Seekarten gibt es nicht von der Gegend, und so finden wir unseren ersten Ankerplatz auf Dos Mosquises mit der „Augapfelnavigation“. Auf dieser, ca. 1km langen, Sandinsel gibt es eine Schildkrötenstation, die wir besuchen möchten. Wir schwimmen zum Strand, da das Dingi noch nicht einsatzfähig ist. Der Parkranger zeigt uns die Becken mit den kleinen Schildkröten. Bis zu einem Jahr werden sie hier aufgepäppelt, bevor sie in die Freiheit entlassen werden. Anschließend setzten wir uns auf die Veranda seiner Küche. Er erzählt uns, dass er schon seit sechs Jahren auf der Insel lebt. Weitere Bewohner sind ein Fischer, drei Hunde und z.Z. ein Student der Universität Caracas. Zum Abschied bekommen wir Orangen und Limonen geschenkt, so sind wir der Skorbutgefahr gerade noch mal entkommen.

Zum Schnorcheln segeln wir fünf Meilen weiter nach Cayo de Aqua. Diese Insel ist völlig unbewohnt, man fühlt sich wie Robinson.

Letzter Stopp auf dem Weg nach Bonaire sind die „Aves de Borlavento“. Aves heißt Vögel, und von diesen gibt es hier unglaublich viele. In riesigen Schwärmen fliegen die Tölpel laut kreischend über den Mangrovenwipfeln.

Ein kleines Fischerboot kommt längsseits: „Zigaretten?“ Endlich können wir unsere Stange Zigaretten auspacken, die wir extra für diesen Fall auf Isla Margarita gekauft hatten. Als Dankeschön landet eine Languste in unserem Cockpit. Doch bei der Vorstellung, das große Krustentier lebend in ein Topf kochendes Wasser zu tauchen, wird uns beiden schlecht. Als die Fischer außer Sicht sind, entlassen wir es zurück in die Freiheit. Glücklich verschwindet es, so schnell es kann, in der Tiefe. Zum Abendbrot gibt es Reis ohne Languste.

Bei Mondlicht mit Hilfe des GPS suchen wir uns den Weg aus der Lagune. Am nächsten Morgen heißen uns zwei rosa Flamingos vor Bonaire willkommen. Nach drei Wochen in der Einsamkeit sind wir zurück in der Zivilisation.

Unsere nächste Station sind die San Blas Inseln vor Panama. Bei den Indianern dort gibt es kein Internet, so dass wir und erst wieder in Panama melden können.

verantwortlich für die Web- Präsentation: A. Vogels

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Fischerhütte mit Strandmüll

Steiniger Weg zum Gipfel

Schöner Rastplatz, nur nicht in den Kaktus setzen!

Blick auf Isla Iguana

Geschafft!

Ausblick vom Gipfel

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Sascha beim Auswechseln einer Birnel

Sarei im neuen Glanz

Isla Tortuga

Traumstrand in Blau

Informationen über Schildkröten

Amrei mit Schildkröte

Aussicht von Dos Mosquises

Küche des Parkrangers

Dos Mosquises

Robinsonleben auf Cayo de Aqua